Nevin Aladağ: Color Floating

Leuchtende Kunstwerke schweben sanft über einer Wasseroberfläche und erschaffen in der Dämmerung eine stille Poetik farbigen Lichts. Die Objekte sind Entwendungen von Alltagsdingen: Designlampen der 1960er Jahre, überzogen mit verschiedenfarbigen und unterschiedlich strukturierten Strumpfhosen. Die in Berlin lebende Bildhauerin und Performancekünstlerin Nevin Aladağ – 1972 in Van/Türkei in eine kurdisch-türkisch-iranische Familie geboren und im schwäbischen Stuttgart aufgewachsen – interveniert mit ihrer permanenten Installation Color Floating in der Bergbau- und Textilindustriestadt Zwönitz mit Sinnlichkeit, Fantasie und Farbe.

Ihr Werk zelebriert ebenso unmittelbare Lebensfreude wie es gesellschaftskritische Inhalte transportiert. Color Floating erinnert an Sommerfeste unter Laternen, an mystische Prozessionen, an heitere Abende in der Intimität des Blumengartens und fragt gleichzeitig nach Klischees, Zuschreibungen und Krisen der Orte, an denen Aladağ ihre Arbeiten ausstellt: Sind hier alle zum Fest eingeladen, unabhängig von der Farbe ihrer Kleidung, ihrer Identität oder ihrer Haut? Inspiriert von der Pattern and Decoration-Bewegung proklamiert die international gefeierte Künstlerin mit Color Floating eine Vision von Vielfalt, Emotion und Kulturtransfer. Ihren politisch-globalen Anspruch artikuliert Nevin Aladağ nicht in Form von Mahnungen, sondern in mitreißender Leichtigkeit und Schönheit.

Zwönitz: Bergstadt, Papierstadt und Textilstadt

Die Lichtinstallation „Color Floating“ von Nevin Aladağ erstrahlt über einem Teich im Austelpark Zwönitz. Dieser Ort hat viel zu tun mit der Industriekultur der Bergstadt (seit 1603). Schon in der 2. Hälfte des 19. Jhs. war er im Stile eines Englischen Gartens angelegt worden. Große Bäume, hochwertige Skulpturen, Pavillons, Grotten und Schmiedearbeiten schmückten den Landschaftspark während der Hochzeit der Zwönitzer Industrie. 

Wasser, Eisen, Papier, Leder und Textil 

Wasser und Eisen waren die ursprünglichen Antriebselemente der Zwönitzer Wirtschaft. Papier, Leder und Textil folgen und waren über Jahrhunderte gefragte Produkte. Teils erwuchsen sie direkt als Zuliefergewerbe aus dem Bergbau und prägten die Geschichte von Zwönitz über Jahrhunderte.  

Während des Zweiten Weltkrieges verschwanden die meisten Kunstwerke im Austelpark. Seit 1977 steht er unter Naturschutz, ab 1990 wurde er umfassend saniert und rekonstruiert. Im Park steht auch die Gründerzeitvilla der Unternehmerfamilie Austel. 

Licht als Metapher: Sehnsucht der Bergleute nach Licht 

Licht hatte einst auch für die Bergleute eine symbolische Bedeutung. Erleuchtete Schwibbögen sind eine Metapher die Sehnsucht der Bergleute nach Licht. Nach alter bergmännischer Sitte wurden bei der letzten Schicht vor Weihnachten, der „Mettenschicht“, über dem Mundloch des dunklen Bergwerkstollens oder auf dem Zechenhaus Kerzen so platziert, dass sie einen Lichtbogen bildeten. 

Mettenschichten werden veranstaltet in der „Zinngrube Ehrenfriedersorf“, im „Markus-Röhling-Stolln“ Frohnau, am „Pferdegöpel Lauta“ bei Marienberg und im Besucherbergwerk Zinnwald. Das typische Ensemble des erzgebirgischen Weihnachtsschmuckes wird bis heute in vielen zumeist familiengeführten Manufakturen hergestellt und weltweit verkauft. Neben den Schwibbögen sind das Bergmann- und Engelfiguren, Nussknacker und Räuchermännchen, beleuchtete Weihnachtskrippen, Grubenmodelle und Pyramiden.

Bis ins Jahr 1672 lässt sich in Zwönitz die Tradition der Nachtwächter zurückverfolgen. Ursprünglich hielten sie als Stadtwache Ausschau nach Feuer und anderen Gefahren. Noch heute, jeweils freitags und samstags, entzünden die Zwönitzer Nachtwächter ihr Licht. Allerdings mehr unter touristischem Aspekt, denn sie führen Gäste durch die nächtliche Altstadt. Die Zwönitzer Nachtwächter sind international vernetzt und Mitglied in der Europäischen Nachtwächter- und Türmerzunft. Mehr lesen…

Zuliefergewerbe des Bergbaus: Industriedenkmal Papiermühle Niederzwönitz 

Als eine der besterhaltenen Papiermühlen Deutschlands (seit 1568) ist die Papiermühle Niederzwönitz ein frühes Beispiel für die Entwicklung eines Zuliefergewerbes des Bergbaus im 16. Jahrhundert. Sie steht in direkter Verbindung mit dem Ausbau der Bergbauverwaltung, da hier bis 1873 Büttenpapier (aus textilen Lumpen) für die Bergbaubehörden produziert wurde. 

Heute ist sie ein Technisches Museum und gilt als älteste noch funktionstüchtige Papiermühle Deutschlands. Damit wurde sie 2019 zu einem der assoziierten Objekte des UNESCO-Welterbes Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří in der Bergbauregion Schneeberg.

Aktiv-Tipp: Wandern in der Bergbauregion Zwönitz 

Folgen Sie den Empfehlungen des Tourismusverbandes Erzgebirge und erkunden Sie Zwönitz auf Wanderwegen: 

Faden reißt nicht: Falke Strumpffabrik führt Zwönitzer Textiltradition weiter

In Zwönitz, Ortsteil Dorfchemnitz, befindet sich in der Fabrikstraße 4 ein Industriekomplex aus Backsteinmauerwerk, in dem schon weit über 100 Jahre Textilien gefertigt werden. In der DDR firmierte diese Produktion unter der bekannten Marke „ESDA“. Der Standort überlebte die schwierige Umstrukturierung der Wirtschaft im Zuge der Deutschen Einheit nach 1990. 

Gerettet wurde er durch den Mut von Joachim Gerhardt und dem Engagement vieler seiner Kolleginnen und Kollegen. Nach der Wende suchten sie Kontakt zur Unternehmerfamilie Falke im Sauerland, einer Traditionsmarke , die es seit 1895 gibt. Joachim Gerhardt wurde Werkleiter und ist bis heute Geschäftsführer. Falke vertraute auf die erzgebirgische Macher-DNA und investierte im Jahr 1991. Mit dem Know-how der erfahrenen Textilarbeiterinnen und Textilarbeiter des Ortes wurde die Erfolgsgeschichte fortgeschrieben. 

Smart City Zwönitz: Makerhub zur Digitalisierung 

Industriekultur erhalten, traditionelle Gewerbe fortführen, Innovationen mitgestalten – die erzgebirgische Macher-Mentalität ist permanent aktiv. Im „Bunten Speicher“, einem 4.500 m2 großen Industriedenkmal das früher als Kornspeicher und Weberei diente, ist viel Platz für neue Ideen. Zunächst sollen hier im Rahmen eines Projektes der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 einige Coworking-Plätze und einer Maker-Werkstatt eingerichtet werden. In der Kuppel des Gebäudes befindet sich eine Klanginstallation von Peter Piek, der Geräusche aus der Textilindustrie kreativ zu Sounds verarbeitet hat. 

Als zukünftiges Gründer- und Innovationszentrum bietet das Gebäude ab 2024 viel Raumfür Arbeitsplätze, Start-Ups und Innovationen. Und das passt gut zu Zwönitz. Als Stadt im ländlichen Raum versuchen hier kreative Köpfe um Dr. Martin Benedict neue Ideen für eine Smart City Zwönitz zu entwickeln. Derzeit wird zum Beispiel an einer Smartphone-App für Teilhabe, Kommunikation und Mobilität sowie Digitalen Schaufenstern für Einzelhändlern gearbeitet. Der Elektrobus „ErzMobil“ fährt bereits seit 2022 und kann über die App gerufen werden.

Gründerzeit: Gustav-Friedrich Austel und Ida-Franziska Austel 

Die Familie Austel war ein altes, vermögendes und angesehenes Bauerngeschlecht in der damals selbständigen Gemeinde Niederzwönitz. 1885/86 errichteten Gustav-Friedrich Austel (1818–1891) und Ida-Franziska Austel (1831–1909) auf einem Areal am östlichen Rande der Stadt eine Villa im Stil des Neoklassizismus, einem typischen Baustil aus der Gründerzeit des Deutschen Reiches. Das Haus erlebte eine wechselvolle Geschichte: nach dem Zweiten Weltkrieg war es kurzzeitig russische Stadtkommandantur, bis in die 1950er Jahre Arztpraxis, dann Bürogebäude und Lehrlingswohnheim. Seit 1993 wird hier eine Restaurant betrieben.

Kleine Füße ganz groß: Louis Albin und Albin Hugo Trommler 

Die Brüder Louis Albin und Albin Hugo Trommler gründeten 1889 die Mechanische Schuhwarenfabrik A. Trommler in Zwönitz. Zunächst waren sie in der Leder- und Schuhindustrie Dresdens tätig. Für ihre eigene Fabrik wählten sie die bekannte Schuhmacherstadt Zwönitz im Erzgebirge aus. Sie nutzten das positive Image der Stadt, um mit handwerklicher Qualität, Passgenauigkeit und Tragekomfort zu werben. 

Ihr Werbeslogan lautete: „Die Trommler-Schuhe passen, Du kannst Dich drauf verlassen!“. Die Anstellung orthopädischer Schuhmacher verlieh dem Qualitätsanspruch Seriosität und erweiterte das Kundenspektrum um Patienten mit Fußleiden. Wichtigste Zielgruppe waren aber Kinder und Jugendliche. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war es die größte Kinderschuhfabrik des Deutschlands.

Der Kunst- und Skulpturenweg PURPLE PATH:

Die Landschaften um Chemnitz – das Erzgebirge, Mittelsachsen, das Zwickauer Land – sind tief geprägt von der 850-jährigen Geschichte des Bergbaus. Der Abbau von Silber, Zinn, Kobalt, Kaolin und Wismut hat das Leben bestimmt; alle Wege, Straßen, Siedlungen haben irgendwie damit zu tun. Es ist eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, die im 21. Jahrhundert neu entdeckt werden will.

»C the Unseen« lautet das Leitmotiv der Kulturhauptstadt Europas 2025. Chemnitz und die Region werden Besucher:innen aus der ganzen Welt empfangen. Ein zentrales künstlerisches Angebot ist der Kunst- und Skulpturenweg des PURPLE PATH mit Arbeiten von internationalen und sächsischen Künstler:innen.

Kuratiert von Alexander Ochs orientiert sich der PURPLE PATH am Narrativ „Alles kommt vom Berg her“ und verbindet 38 Kommunen im Erzgebirge, in Mittelsachsen und dem Zwickauer Land mit der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025.

Uli Aigners Monumentale Porzellane ist das sechste Kunstwerk am kontinuierlich wachsenden PURPLE PATH. Bereits installierte Werke stammen von Nevin Aladağ in Zwönitz, Tony Cragg in Aue-Bad Schlema, Friedrich Kunath in Thalheim, Tanja Rochelmeyer in Flöha und Carl Emanuel Wolff in Ehrenfriedersdorf.

Nevin Aladağ: Color Floating 2023; Courtesy: WENTRUP

Fotos: Ernesto Uhlmann / radar studios

Texte: Ulrike Pennewitz / Alexander Ochs

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