„ITEM 3501 / 3502“ von Uli Aigner:

Das seit 2014 entwickelte Lebensprojekt One Million der 1965 in Österreich geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Uli Aigner entsteht mit den Händen und durch die Rotation der Drehscheibe. In Kooperation und Kommunikation mit anderen schafft die Künstlerin, die nach einer Töpferlehre Produktdesign und Digitale Bildgestaltung studierte, unterschiedlichste Gefäße aus Porzellan, von winzig klein bis übermenschlich groß. Aigner ritzt in den feuchten Ton eine fortlaufende Nummer in jedes Exemplar der bisher rund 8000 Items, brennt das Porzellan mit transparenter Glasur und verortet es in einem großen Ganzen. Auf einer Weltkarte, die auf der Website der Künstlerin zu sehen ist, sind ihre Standorte und wechselnden Provenienzen in einem globalen Archiv verzeichnet.

Die beiden monumentalen Teile der Serie mit den Nummern 3501 und 3502 entstanden 2019 in Zusammenarbeit mit den Töpfer:innen im chinesischen Jingdezhen, der Welthauptstadt des Porzellans und einstigen kaiserlichen Produktionsstätte der legendären Ming-Dynastie.

Das rund 800 Kilogramm schwere Item 3502 hielt den Kräften der Natur nicht stand und brach während des Herstellungsprozesses in sich zusammen. Das vermeintlich zerbrochene wurde von Aigner neben dem ebenso vermeintlich intakten in die Reihe der One Million als mögliche Existenzformen im Porzellan Code aufgenommen.

Räumlich folgt Lößnitz den Bergstädten Schneeberg und Bad Schlema. Wurde von der Erzgebirger Unternehmerfamilie Schnorr schon im 17. Jahrhundert in Schneeberg Kobalt gefördert, folgte ab 1708 die von ihr betriebene „St. Andreas Zeche Weiße Erde“ als Fundgrube für Kaolin, den Grundstoff des „Weißen Goldes“ Porzellan. Wurde bis dahin für die europäischen Herrscherhäuser feines chinesisches Porzellan importiert, konnte 1710 die erste Meissener Porzellanhütte eingerichtet werden. So lieferte das Erzgebirge die Hardware für das blau dekorierte, chinesischen Moden folgende Meissener Porzellan.

Aigner wählte Lößnitz als Ort für die Platzierung der in China geformten monumentalen Items 3051 und 3502 und schließt so einen Kreis.

Lößnitz: Bergstadt seit 1382
Aufgrund zunehmender Erzfunde im 14.Jh. wurde Lößnitz 1382 zur Bergstadt ernannt. Ein historischer Ort, der heute noch besichtigt werden kann, ist das Besucherbergwerk Reichenbachstolln im Kuttengrund. Ab 1500 förderten die Bergleute hier Silber, Kupfer, Bleiglanz, Arsenkies zu Tage. 

Die Verarbeitung der Erzrohstoffe erfolgte in den Hüttenbetrieben der nahen Umgebung. Arsenkies wurde zum Beispiel für Aufbereitung von Nickel benötigt und von 1720 bis 1927 im benachbarten Blaufarbenwerk Niederpfannenstiel realisiert. Dies gehörte der Unternehmerfamilie Schnorr aus Schneeberg. Somit war Lößnitz in die Lieferketten des Schnorrschen Imperiums im Westerzgebirges fest integriert. 

Veit Hans Schnorr d.J. war ein Großunternehmer seiner Zeit. Als Besitzer zahlreicher Bergwerke, Hammer-, Hütten- und Blaufarbenwerke erwarb er die Rechte für die „Weiße Erden Zeche St. Andreas“ in Aue, einer Nachbarstadt von Lößnitz. Ab 1700 war man dort bei der Erzsuche auf Kaolin gestoßen. Ein lukrativer Coup, wie sich bald herausstellen sollte. Das Mineral wurde zum Grundstoff des Meissner Porzellans werden.

Lößnitz´ Stein mit Tradition: Schwarzer Schiefer
Mitte des 19. Jahrhunderts war der Schieferabbau in Lößnitz, Affalter, Dittersdorf und Umgebung ein bedeutender Wirtschaftszweig. Führendes Unternehmen war die „Sächsische Schieferbruch-Compagnie“. Diese errichtete Spellhütten (Spalthütten), in denen der Schiefer gespalten und weiterverarbeitet wurde. Wo heute die Naturherberge mit Platz für 30 Gäste steht, war einst so eine Hütte betrieben worden. Schiefer sieht man heute noch an vielen Gebäuden, u.a. auf der Lößnitzer Kunstkirche St. Georg und dem Friedhof. 

Der sächsische Kurfürst August der Starke war fasziniert von der Idee, eigenes Porzellan herstellen zu können. Chinesisches Porzellan war groß in Mode und brachte als Luxusgut nicht nur Kunstgenuss sondern auch hohe Gewinne im Handel. Eine attraktive Einnahmequelle auch für den Staat, die August gern in Sachsen sehen wollte. 

Die Väter des Meissner Porzellans: Tschirnhaus, Böttger und Schnorr
Der Kurfürst beauftragte Ehrenfried Walther von Tschirnhaus und Johann Friedrich Böttger nach der Rezeptur und dem Verfahren der Herstellung von Porzellan zu forschen. Ursprünglich sollte Böttger, ein Alchimist, versuchen, andere Erze und Metalle in Gold umzuwandeln. Nach vielen Versuchen und Irrtümern gelang im Jahr 1709 die erste Herstellung europäischen Porzellans. 1710 wurde die Manufaktur Meissner Porzellan gegründet. 

Nun stellte sich noch die Frage, welcher Rohstoff für die gefundene Rezeptur wohl am besten geeignet wäre. Überall in Sachsen und im Erzgebirge, so befahl August der Starke, solle man Kaolinproben nehmen und in die Meissner Manufaktur bringen. Die Prüfungen ergaben, dass das Kaolin aus der „Weiße Erden Zeche St. Andreas“ in Aue die beste Qualität aufwies. Zechenbesitzer Veit Hans Schnorr d.J. erhielt daraufhin für die „Schnorrsche Tonerde“ vom Kurfürsten im Jahr 1711 das Kaolin-Monopol. 

Porzellan- und Kunstkammer: Japanisches Palais Dresden
1711 erwarb Kurfürst August der Starke ein Palais am rechten Ufer der Elbe, direkt gegenüber dem Stadtzentrum. Hier brachte er ab 1721 zunächst seine reiche Sammlung ostasiatischen Porzellans sowie einen Teil seiner Kunstkammer unter. In den Folgejahren lieferte auch die Meissner Porzellanmanufaktur kunstvolle Objekte. Über 35.000 Einzelstücke sollen es gewesen sein.
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Neue Wandlungen: Macher in der Gegenwart in Lößnitz
Hospitalkirche St. Georg in Lößnitz wird zur Kunstkirche
Für das Jahr 1283 ist die erste urkundliche Erwähnung einer Hospitalkapelle in Lößnitz belegt. Über die Jahrhunderte zerstörten sie mehrere Brände in der Stadt. Immer wieder bauten die Lößnitzer ihre Hospitalkirche auf. Zuletzt, erneut nach einem Brand, wurde die Kirche 1858-61 im neugotischen Stil errichtet. Markant ist das mit schwarzem Lößnitzer Schiefer gedeckte Dach der Kirche. Das traditionelle Baumaterial findet sich an vielen Gebäuden der Region. 

Ein engagierter Kreis von Gemeindemitgliedern und Kreativen um den Friedhofsverwalter Ralf Günther möchte nun das Gotteshaus in eine Kunstkirche verwandeln. Friedhofs-, Stadt- und Kulturgeschichte sowie Kunstausstellungen bilden den Anfang. Bemerkenswert sind die vielen kulturhistorisch bedeutsamen Grabsteine aus Lößnitzer Schiefer. Ein Material, was bis heute für die Identität im Ort steht. Mehr lesen… 

Rebecca Horn: Goldener Trichter
In der Kunstkirche Lößnitz soll im Jahr 20XX auch eine Installation der Künstlerin Rebecca Horn ihr neues Domizil finden: „Goldener Trichter“. Das Kunstwerk war 2018 zuerst in der Hamburger Kirche St. Hedwig ausgestellt. 

Makerhub Lößnitz: Eine neue Ideenschmiede
Aus dem früheren Milchhof (Marktplatz 14, 08294 Lößnitz) wird nach der umfassenden Sanierung ein Makerhub. Als Projekt der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025 gehört er zu den acht Makerhubs, die rund um Chemnitz entstehen. Thematischer Fokus des Makerhubs Lößnitz sind Zukunftstechnologien und medienkompetenz. Die Vision der engagierten Leute rund um den Makerhub ist es, dass in Lößnitz ein Ort entsteht, an dem aus Ideen innovative Produkte entwickelt und wo digitale Technologien getestet und erlernt werden. Das Haus bietet eine Plattform für Kommunikation und Austausch sowie die Vernetzung zwischen Schulen, Kunst, Unternehmen und Kreativen. Mehr lesen… 

Stadt der Apfelbäume: Neues Projekt gestartet
Lößnitz hat eine lange Tradition der Obstwiesen und Alleen. Mit dem Apfelprojekt wollen die Macher:innen um Initiatorin Anja Markert in allen Ortsteilen von Lößnitz neue Apfelbäume pflanzen und bestehende Obstbäume erhalten. Baum-Patenschaften von Privatpersonen, Kindereinrichtungen oder Firmen sollen das fördern. Im Oktober 2023 fand der 1. Lößnitzer Apfelmarkt statt, der u.a. das Projekt bekannter machen soll.

Max Jankowsky: Pressenwerkzeugbau für Weltklasseautos
Die Gießerei Lößnitz ist ein Betrieb, der fürs Erzgebirge typischer nicht sein könnte: Tradition seit 1849 im Gießerhandwerk, entstanden als nachgelagerte Industrie des Bergbaus, Familienbetrieb in 3. Generation. Wer denkt, man habe es hier mit einer „schmutzigen Branche“ zu tun, der irrt gewaltig. Die Gießerei steht mitten im Ort, umgeben von Grün, und hat hohe Akzeptanz bei den Lößnitzern: Dank sehr hoher Umweltstandards. 

Die Kundenliste liest sich wie das Who-is-who der Automobilindustrie: Aston Martin, Bentley, BMW, Daimler, Lamborghini, Porsche. „Weltklasseautos werden hier im Erzgebirge geboren“, sagt Jankowsky stolz. Pro Auto brauche es tausende Tonnen an Guss für Pressenwerkzeuge, mit denen sämtliche Karosserieteile geformt werden. Diese Gussteile werden in Lößnitz hergestellt und in Werkzeugbaubetrieben – wie Porsche Werkzeugbau, Pockauer Werkzeugbau Oertel oder bei AWEBA Werkzeugbau in Aue – final bearbeitet. Mehr lesen…

Der Kunst- und Skulpturenweg PURPLE PATH:

Die Landschaften um Chemnitz – das Erzgebirge, Mittelsachsen, das Zwickauer Land – sind tief geprägt von der 850-jährigen Geschichte des Bergbaus. Der Abbau von Silber, Zinn, Kobalt, Kaolin und Wismut hat das Leben bestimmt; alle Wege, Straßen, Siedlungen haben irgendwie damit zu tun. Es ist eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, die im 21. Jahrhundert neu entdeckt werden will.

»C the Unseen« lautet das Leitmotiv der Kulturhauptstadt Europas 2025. Chemnitz und die Region werden Besucher:innen aus der ganzen Welt empfangen. Ein zentrales künstlerisches Angebot ist der Kunst- und Skulpturenweg des PURPLE PATH mit Arbeiten von internationalen und sächsischen Künstler:innen.

Kuratiert von Alexander Ochs orientiert sich der PURPLE PATH am Narrativ „Alles kommt vom Berg her“ und verbindet 38 Kommunen im Erzgebirge, in Mittelsachsen und dem Zwickauer Land mit der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025.

Uli Aigners Monumentale Porzellane ist das sechste Kunstwerk am kontinuierlich wachsenden PURPLE PATH. Bereits installierte Werke stammen von Nevin Aladağ in Zwönitz, Tony Cragg in Aue-Bad Schlema, Friedrich Kunath in Thalheim, Tanja Rochelmeyer in Flöha und Carl Emanuel Wolff in Ehrenfriedersdorf.

Titelfoto: Daniela Schleich

Fotos: Ernesto Uhlmann / radar studios

Texte: Ulrike Pennewitz / Alexander Ochs

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