Twister Again

Kybernetik und Entropie sind die wichtigsten Einflüsse der 1946 in Harrisburg/USA geborenen Bildhauerin Alice Aycock. In der Firma ihres Vaters, eines erfolgreichen Anlageningenieurs, erlernte sie technisches Zeichnen und das Verständnis für Konstruktionen und Regelungstechnik. Während ihres Kunststudiums in New York begegnete Aycock den Protagonist:innen der Land Art, Konzeptkunst, Happening und Performance und wurde zu einer der wichtigsten Künstlerinnen der postmodernen Skulptur. In den späten 1980er-Jahren war sie eine der ersten Künstler:innen, die 3D-Software für ihre künstlerischen Entwürfe einsetzte.

Das entropische „Maß für die Unkenntnis der Zustände aller einzelnen Teilchen“ (Richard Becker) bestimmen die Gestalt der Serie „Twister“. Ausgehend von einem Punkt, der auf einem quadratischen Sockel fixiert ist, windet sich ein dynamischer Wirbel konzentrisch nach oben. Bei der Skulptur „Twister Again“ scheint die Verwirbelung in mehreren Phasen stattgefunden zu haben: Sie driftet auseinander und ist im Zustand einer scheinbar chaotischen Struktur festgehalten. Durch die weiße Pulverbeschichtung der Aluminiumstreifen, aus denen die Skulptur besteht, wirkt sie wie eine dynamisierte aber undefinierte Vorform, die mittels Vorstellungskraft und Beobachtungsgabe zu immer neuen Gestaltentdeckungen führt.

Über Vorstellungskraft und Kreativität verfügten auch Seiffener Bergleute am Ende des 18. Jahrhunderts. Die Mineralien waren erschöpft, zahlreiche wasserbetriebene Pochwerke, riesige Hämmer, die Zinn und Erze aus dem Stein klopften, hatten keine Funktion mehr. In einem großen Transformationsprozess nutzten die Bergleute die Wasserkraft neu, erfanden das Reifendrechseln und trieben die Maschinen mit der ökologischen Energie des Wassers an. So entstand ein neuer Wirtschaftszweig und das Bild der beim Drechseln herum wirbelnden Holzspäne erinnert die Menschen im Erzgebirge sehr an die Energie ihres alten Handwerks.

Der Kunst- und Skulpturenweg PURPLE PATH

Die Landschaften um Chemnitz – das Erzgebirge, Mittelsachsen, das Zwickauer Land – sind tief geprägt von der 850-jährigen Geschichte des Bergbaus. Der Abbau von Silber, Zinn, Kobalt, Kaolin und Wismut hat das Leben bestimmt; alle Wege, Straßen, Siedlungen haben irgendwie damit zu tun. Es ist eine Geschichte mit Höhen und Tiefen, die im 21. Jahrhundert neu entdeckt werden will.

»C the Unseen« lautet das Leitmotiv der Kulturhauptstadt Europas 2025. Chemnitz und die Region werden Besucher:innen aus der ganzen Welt empfangen. Ein zentrales künstlerisches Angebot ist der Kunst- und Skulpturenweg des PURPLE PATH mit Arbeiten von internationalen und sächsischen Künstler:innen.

Kuratiert von Alexander Ochs orientiert sich der PURPLE PATH am Narrativ „Alles kommt vom Berg her“ und verbindet 38 Kommunen im Erzgebirge, in Mittelsachsen und dem Zwickauer Land mit der Europäischen Kulturhauptstadt Chemnitz 2025.

Mit Alice Aycocks Skulptur „Twister Again“ in Seiffen, sind bislang insgesamt neun Kunstwerke fest installiert: von Nevin Aladağ in Zwönitz, Tony Cragg in Aue-Bad Schlema, Friedrich Kunath in Thalheim, Tanja Rochelmeyer in Flöha, Carl Emanuel Wolff in Ehrenfriedersdorf, Uli Aigner in Lößnitz, Iskender Yediler in Lichtenstein/Sa. und Gregor Gaida in Oederan.

Foto: Johannes Richter & Ernesto Uhlmann / radar studios

Text: Ulrike Pennewitz / Alexander Ochs 

0