Auf der heutigen Pressekonferenz wurde das vollständige Festivalprogramm vorgestellt.
Globale Themen, individuelle Formen, viele Perspektiven
33 Produktionen aus allen Kontinenten sind vom 18. Juni bis zum 5. Juli 2026 beim Festival THEATER DER WELT in Chemnitz und damit erstmalig in Deutschland zu erleben. Mit Figurentheater aus Indonesien über Schauspiel aus Tschechien, einer partizipativen Installation aus Australien, einer XR-Performance aus Taipeh bis hin zu einer Pop-Oper aus Südafrika und Musiktheater aus Indien zeigt sich die große Vielfalt aktueller internationaler Bühnenkünste. Direkt im Anschluss an das europäische Kulturhauptstadtjahr 2025 setzt Chemnitz weiter auf Kultur als Mittel für Verständigung, Dialog und Austausch.
Eröffnet wird das Festival mit zwei sehr unterschiedlichen Arbeiten, die die inhaltliche und ästhetische Bandbreite des Programms sichtbar machen: mit der partizipativen Installation Paper Planet des australischen Polyglot Theatre, bei der das Publikum aktiv mitwirkt und selbst eine begehbare Welt erschafft und mit der europäischen Erstaufführung von Split Tooth: Saputjiji von der kanadischen Künstlerin Tanya Tagaq – eine eindringliche Verbindung aus Musik, Literatur und Performance über indigene Identität und Selbstermächtigung.
Erstmals in der Geschichte des Festivals teilt sich ein neunköpfiges internationales Kurator:innen-Team die künstlerische Leitung von Theater der Welt. So vereint das Programm Arbeiten, die unter sehr unterschiedlichen kulturellen und politischen Bedingungen in verschiedenen Regionen der Welt entstanden sind – und dennoch gemeinsame globale Themen verhandeln. Fragen von Identität, Herkunft, Machtverhältnissen und Sichtbarkeit ziehen sich durch viele Produktionen. So machen etwa Nigamon/Tunai von Émilie Monnet und Waira Nina aus Kanada und Kolumbien oder die installative Performance Vortex Nukak des kolumbianischen Mapa Teatros Stimmen indigener Gemeinschaften hörbar und verhandeln deren Erfahrungen mit Kolonialismus und Ressourcenausbeutung. In den Produktionen Go Back to Where You Came From von der in Portugal lebenden brasilianischen Künstlerin Keli Freitas oder Mutikkappata von Nathalie Vairac setzen sich die Künstlererinnen mit ihren eigenen multinationalen Herkünften und der sich daraus ergebenen Frage nach Zugehörigkeit auseinander.
Politische Realitäten und deren individuelle Auswirkungen auf die jeweilige Gesellschaft sind eine weitere inhaltliche Verbindung im Programm. So entfaltet beispielsweise die indische Autorin und Regisseurin Jyoti Dogra mit Mezok ein zeitgenössisches Drama rund um die von Beschleunigung und Migration geprägte Welt der Arbeit im Land mit der größten Bevölkerung der Erde. Den von Angst, Stillstand und Sehnsucht nach Zukunft geprägten Zustand der Gesellschaft in Ägypten vor dem Beginn des „Arabischen Frühlings“ lässt der Regisseur und Autor Ahmed El Attar in seiner Arbeit Before the Revolution lebendig werden. Die Shieveh Theater Company aus dem Iran erzählt in The Shadows von Menschen aus der Gegenwart, indem sie ihre Geschichten mit Figuren aus antiken Tragödien verknüpft und ähnliche Handlungsmuster sichtbar macht.
Auch aktuelle politische Konflikte werden aufgegriffen: Angetrieben von der Grausamkeit des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine sucht der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek in seiner Inszenierung Amadoka nach einer Erzählung, wie sich systematische Auslöschung von Sein und Erinnerung auf eine Gesellschaft auswirkt. In Koproduktion mit dem Festival Theater der Welt Chemnitz 2026 entwickelt er aktuell am Prager Theater Divadlo X10 ein Stück basierend auf der epochalen Romantrilogie der ukrainischen Autorin Sofia Andruchowytsch.
Die russisch-norwegische Produktion Tirvv. Divided thematisiert die Auswirkungen geopolitischer Grenzen auf indigene Gemeinschaften im Kontext dieses Krieges.
Die Festivaluraufführung Luftmasse des in China und Deutschland beheimateten Kollektivs Paper Tiger Theater Studio, nimmt Alfred Döblins Zukunftsroman „Berge Meere und Giganten“ über den Aufstieg Chinas als Bedrohung der westlich dominierten Weltordnung als Ausgangspunkt für eine installative Performance mit Tänzer:innen, Sänger:innen und Schauspieler:innen.
Einige Künstler:innen beschäftigen sich in ihren Arbeiten mit verschiedenen Formen des Zusammenlebens. In FAMILY TRIANGLE bringt ein taiwanesisches Performancekollektiv sein eigenes queeres Familienmodell auf die Bühne, während der argentinische Autor Juan Pablo Gómez in Los bienes visibles Publikum und Spieler:innen in einem akustischen Raum zusammenbringt, um den Prozess des Abschiednehmens zu reflektieren.
Zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung, in der Publikum und Performer:innen gleichermaßen Teil des Geschehens sind, lädt auch der Choreograf Ivo Dimchev ein und verwandelt im Club Atomino das rauschhafte Potenzial der Musik von Johann Strauss in ein musikalisches Workout.
Die sich durch das Programm ziehenden Themen finden ihren Ausdruck in unterschiedlichen ästhetischen Formen. Die chilenische Gruppe Silencio Blanco beispielsweise übersetzt mit Antuco die tief nachwirkende Tragödie um den Tod von 44 jungen Soldaten bei einer Militärübung im Jahr 2005 in bildstarkes Figurentheater ohne Worte. Ebenso ohne Worte, aber mit einer riesigen Figur namens Kali sowie mit Licht und Bewegung erzählt das indonesische Papermoon Puppet Theatre in Stream of Memory eine Geschichte über die Sehnsucht nach Nähe und Verbundenheit. Um die kostbare Ressource Wasser und deren ungleiche Verteilung geht es in dem Figurentheater Parole d’eau Water Words, einer Arbeit der senegalesischen Künstlerin Mamby Mawine und der kanadischen Puppenspielerin Hélène Ducharme.
In einer spannenden Mischung aus Technologie und Performance nimmt die taiwanesisch-kanadisch-griechische Produktion BLUR jeweils eine kleine Gruppe von Zuschauer:innen mit in eine Extended-Reality-Welt und konfrontiert sie mit der Frage, wie wir in unserer hoch technologisierten Gegenwart mit Endlichkeit umgehen.
Mit zeitgenössischen Interpretationen traditioneller Stoffe sind das palästinensische Khashabi Theatre und das indische aRanya Theatre zu Gast.
Großes Musiktheater kommt aus Südafrika: Die Pop-Oper Nkoli: A Fierce & Fabulous Life verbindet Protestlieder und Club-Sounds mit Voguing und Ballroom Culture zu einer mitreißenden Show über Machtverhältnisse, Zugehörigkeit und Widerstand.
Das Programm der 17. Ausgabe von Theater der Welt haben neun internationale Kurator:innen in einem kollektiven Prozess entwickelt: Simon Abrahams aus Australien, Joshua Dalledonne aus Kanada, Rodrigo González Alvarado aus Argentinien, Faye Kabali-Kagwa aus Südafrika, Nikos Mavrakis aus Griechenland, Aya Nabulsi aus Saudi-Arabien, Srishti Ray aus Indien, Ndèye Mané Touré aus Senegal und ZHANG Yuan aus China. Daraus ist eine vielstimmige Dramaturgie aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten entstanden, die verschiedene Perspektiven bewusst nebeneinanderstellt. Das Publikum ist mit Gesprächsangeboten vor und nach den Vorstellungen zu Dialog und Austausch mit den Künstler:innen eingeladen. Ein Teil des Programms richtet sich explizit an junges Publikum und Familien. Es gibt kostenlose Angebote und die Möglichkeit zur Partizipation.
Theater der Welt ist ein Festival des deutschen Zentrums des Internationalen Theaterinstituts e.V. (ITI), das alle drei Jahre an eine andere deutsche Stadt vergeben wird. Die aktuelle Ausgabe richten die Theater Chemnitz, ein 5-Sparten-Haus, in Kooperation mit der Kulturhauptstadt Europas Chemnitz 2025 gGmbH und der Festival Academy Brüssel aus. Das ITI präsentiert sich im Programm von Theater der Welt Chemnitz 2026 u.a. mit der Verleihung des Preises des ITI 2026 an die Performancekünstlerin Nicoleta Esinencu.
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Vollständiges Programm: www.theaterderwelt.de